Fragment 3

Schmetterlinge und ein Tsunami im Bauch

Das muss an den Schwangerschaftshormonen liegen! Dass mich ein Film so bewegt, so berührt, so durcheinanderbringt. Dass Liebeszenen in mir so viel auslösen. Ich war froh, schaute ich den Film nicht im Kino und auch, dass mein Mann nicht zu Hause war. Che casino was für ein Chaos! Mir kamen beinahe die Tränen. Das Ganze war einerseits sehr schön, fast wie Schmetterlinge im Bauch, aber auch sehr destabilisierend. Als würde ein Tsunami durch meinen Körper fegen. Was für eine schöne Schauspielerin mit ihren blauen Haaren. Und ihre Partnerin erst! Was für ein wunderschöner Film!

Mein Sohn stellt sich vor mich hin, vergrössert und verringert den Abstand zwischen seinen kleinen Händen und fragt mich: Wie gern hast du sie und wie gern hast du mich? Es ist nicht das erste Mal, dass ich ihm auf diese Frage antworte.

Sie habe ich sehr gern und dich habe ich seeehr gern. Kleiner Abstand zwischen meinen offenen Handflächen im ersten Fall, ganz grosser Abstand im zweiten. Momentan ist es schwierig für ihn, eine weitere Person neben mir zu sehen, die mir wichtig ist. Ich spüre eine unterschwellige Frage, die er mit seinen sechs Jahren noch nicht richtig formulieren kann. Dabei geht es aber nicht um die Frage «Mann oder Frau», noch nicht zumindest, sondern vielmehr um die Suche nach der Sicherheit, dass er in diesem Gefüge nie seinen Platz und meine Nähe verlieren wird. Wir sind zurzeit alle noch dabei herauszufinden, wie wir mit den neuen Familienkonstellationen umgehen.


Meine Partnerin und ich sind in gespiegelten Situationen. Sie ist seit vielen Jahren out in der Familie, was überhaupt kein Problem ist, arbeitet aber in einem beruflichen Kontext, wo für sie ein offizielles Outing undenkbar wäre. Zu viel Religion, zu viel Homophobie – die sogar vor Kurzem in einer Tessiner Studie sichtbar gemacht wurde –, zu viel Tradition. In diesem Arbeitsumfeld ist es einfacher, nicht direkt darüber zu sprechen, und sie selber hat auch nicht das Bedürfnis, ihr Privatleben zum Thema zu machen. Bei mir ist es genau umgekehrt: An der Klinik, an der ich arbeite, sind wir mindestens drei Queers im Team und es ist mir nicht nur für mich selber wichtig, sichtbar zu sein, sondern auch für meine Patient_innen. In meine Sprechstunde kommen Personen mit vielschichtigen psychologischen Problemen, die in ganz schwierigen Situationen stecken. Sexuelle oder romantische Orientierung ist da natürlich nur bei einigen ein Thema. Und wenn, dann ist sie meist ein Aspekt von vielen. Aber dann häufig einer, der mit enormer Desorientierung, unglaublichem Leid und nicht selten mit Suizidversuchen einhergeht. Man darf das wirklich nicht unterschätzen. Da reicht es manchmal schon, wenn jemand mit einer Frau und auch mit einem Mann geschlafen hat und beides irgendwie schön fand. Das kann der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wenn mir Jugendliche eine solche oder ähnliche Situation schildern, sage ich mittlerweile, ohne zu zögern: Schau mal, du sitzt hier vor einer Frau, die 37 Jahre gebraucht hat. Eine Ehe. Einen Sohn. Für viele Jugendliche ist das tatsächlich das erste Mal, dass ihnen die Option von Bi- oder Pan-Sexualität aufgezeigt wird. Und auch, dass ihnen jemand den Druck nimmt, sich irgendwie kategorisieren zu müssen.

Bist du eigentlich strukturell lesbisch?

Das scheint übrigens auch unter Psycholog_innen noch nicht angekommen zu sein. Kürzlich hat mich eine Fachkollegin gefragt, ob ich eigentlich «strukturell lesbisch» sei. Sie konnte anfangs nicht nachvollziehen, dass ich mich nun, nachdem ich mich endlich aus der Schublade «Ehefrau» befreit habe, nicht in eine andere Box packen (lassen) möchte. Vor der Krise hatte ich viele gute Jahre mit meinem Ex-Mann und jetzt habe ich dank meiner Partnerin ein Lebensgefühl gefunden, das ich so noch nie erlebt habe. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen und mehr muss ich selber auch gar nicht wissen. «Strukturell lesbisch». Was für ein Wort.


Im beruflichen Umfeld bin ich also out und das ist sehr gut so. Im familiären Umfeld bin ich mittlerweile auch offen und sichtbar mit meiner Partnerin zusammen. Aber da stosse ich nach wie vor auf grossen Widerstand. Kennst du den Film «Due volte genitori» ? Ein italienischer Dokumentarfilm, der Eltern durch eine Art Trauerzeit begleitet, bis sie sich vom heteronormativen Lebensentwurf verabschieden können, den sie sich für ihre Kinder vorgestellt hatten. Bei meiner Mutter wie auch bei meiner Schwester hoffe ich immer noch darauf, dass diese Trauerphase und, damit verbunden, ihre Vorwürfe irgendwann einmal vorüber sein werden. Meine Schwester ist sehr religiös, sie ist Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche. Ich sehe, dass sie sich wirklich enorm bemüht und kleine Schritte auf meine Partnerin und mich zugeht, aber im Grunde genommen ist für sie Frauenliebe inakzeptabel und unnatürlich. Meine Mutter kommt aus Indien, hat aber den Grossteil ihres Lebens im Tessin verbracht. Da mein Vater bereits in meiner Kindheit verstorben ist, musste sie jahrelang kämpfen, um meine Schwester und mich durchzubringen. Ich kann nachvollziehen, dass es für sie völlig unverständlich ist, dass ich, ganz generell und dann auch noch für Frauenliebe, meine Ehe beendet habe. Das muss für sie wie ein Hohn sein. Eine Tochter, die alles hat, eine universitäre Ausbildung, einen interessanten Job, einen erfolgreichen Mann, Haus, Baby, finanzielle Sicherheit. Und die dann einfach alles wegwirft. Ich kann ihre Interpretation meines Lebenswandels wirklich verstehen.

Womit ich aber ganz grosse Mühe habe, sind die Vorwürfe meiner Schwester und meiner Mutter, die immer das Wohl von meinem kleinen Sohn als Grund für ihre Abneigung gegenüber meinem neuen Leben vorschieben. «Wir verstehen, dass du von deiner Ehe enttäuscht und wütend auf deinen Ex-Mann bist und deshalb etwas Neues ausprobieren möchtest. Aber wir machen uns Sorgen um den Kleinen.» Es berührt mich nicht sonderlich, dass meine neue Beziehung eine Trotzreaktion auf eine gescheiterte Ehe sein soll, aber mit dem Kinderargument habe ich zu kämpfen. Es scheint ihnen nicht bewusst zu sein, dass sie selber die homophobsten Personen sind, mit denen mein Sohn momentan zu tun hat. Ich versuche natürlich, ihn davor zu schützen und Diskussionen nicht dann auszutragen, wenn er in der Nähe ist. Das ist aber schwierig: Meine Mutter wohnt im unteren Stockwerk, im gleichen Haus wie der Kleine und ich. Selbst wenn er verbal nichts davon mitkriegt, spürt er sicherlich unsere Auseinandersetzungen. Kinder haben ja sehr gute Antennen für solche zwischenmenschlichen Spannungen.


Im Frühling ist meine Partnerin vorübergehend bei mir eingezogen. Wir arbeiten beide im Gesundheitswesen und hätten uns sonst in der ärgsten Coronazeit zwischen Überstunden und emotionalem Druck bei der Arbeit wohl völlig verloren. Interessanterweise hatte sich die Situation zwischen meiner Mutter und mir ausgerechnet in dem Zeitraum etwas beruhigt. Mittlerweile sind meine Partnerin und ihr Hund aber in ihr Zuhause und die Spannungen und Vorwürfe in meines zurückgekehrt. Kaum war die Corona-Bedrohung nicht mehr so akut, schien jene, die von meiner Partnerin ausgeht, für meine Mutter wieder deutlich grösser. Vor Kurzem hat sie mir vorgeschlagen, ich könne ja nun langsam wieder anfangen, mir einen Mann zu suchen. Das macht mich wirklich sehr traurig.

Ich weiss, dass sich der innere Widerstand meiner Mutter nicht gegen die Person meiner Partnerin an sich richtet. Das wurde im Lockdown sehr deutlich. Vielmehr geht es um Sicherheit, die meinem Sohn und mir in ihren Augen nur ein Mann bieten kann. Und es geht um dieses tiefverankerte Bild, dass Homosexualität nicht ok ist. Während ich alles daran setze, sichtbar zu sein, um das alles zu normalisieren, würde meine Herkunftsfamilie meine Lebensform am liebsten verstecken. So kann es durchaus vorkommen, dass ich auf sozialen Netzwerken ein Bild von uns poste: Frau, Frau, Kind, Hund. Hashtag #Love. Für meine Mutter, meine Schwester und auch meine Tante ist das ganz schlimm. Wieso musst du dein Privatleben so gegen aussen tragen? Das geht doch niemanden etwas an! Habe ich früher manchmal Bilder von meinem Ex-Mann, mir und dem Baby gepostet, war das absolut kein Problem. Nun ist das anders. Behalte das doch wenigstens für dich! Was sollen die Verwandten in Indien denken? Dieses Argument macht mich wütend. Selbstverständlich habe ich indische Wurzeln und in meiner Kindheit Familienferien in Indien verbracht. Aber abgesehen von meiner Grossmutter hat mich nie jemand als Inderin wahrgenommen. Ich verstehe, dass für meine Mutter und Tante ihre Herkunftsfamilie sehr, sehr wichtig ist. Aber dass sie nun versuchen, mich quasi unter kulturellen Druck zu setzen, macht mich einfach nur wütend. Ich habe Klient_innen, die unter der Last von Schuld und Scham aufgrund kultureller Prägungen fast zerbrechen. Aber das hat nichts mit mir zu tun. No way.

Siamo felice perchè tu sei felice.

Ich muss an mir selber arbeiten und akzeptieren, dass mir meine Schwester und meine Mutter im Moment nicht das geben können, was ich mir bei meinem Coming out erhoffte. Ich erwarte nicht, dass sie mein neues Leben gutheissen. Aber ich würde mir so wünschen, dass sie irgendwann sagen können: Siamo felice perchè tu sei felice. Wir sind glücklich, weil du glücklich bist. Gerade, da dieser Weg zum Glück sehr steinig und schmerzhaft war.

Vor sechs Jahren, nach meinem Filmabend mit der blauhaarigen Emma, schob ich das Thema Frauenliebe auf die Seite. Schwangerschaftshormone. Die bringen einen schon mal zum Weinen. Die werfen einen schon mal völlig aus der Bahn. Das weiss frau doch. Frau weiss auch, dass viele Frauen nach der Geburt keine Lust mehr auf Intimität mit dem Partner haben. Das ist ganz normal. Das gibt sich dann schon wieder. Leider gab es sich aber nicht einfach so wieder. Ganz im Gegenteil, ich bekam mit der Zeit eine richtige Aversion gegenüber körperlicher Nähe zu meinem Mann.

Als wären Intimität und Sex – und das Wort ist sehr stark, ich weiss – etwas Schmutziges. Ich fühlte mich so schuldig, dass ich solche Gedanken hatte. Mit der Zeit wurden dann auch Dinge zur Last und völligen Unlust, die früher ganz normal und schön waren. Ein Abendessen in der Pizzeria, nur zu zweit, mal ohne Baby. Alles wurde zu einem kaum zu stemmenden Kraftakt. Natürlich erkannte ich die Zeichen einer Depression und suchte mir Hilfe bei einer Psychologin. Und da ist unter anderem das Thema Frauenliebe in einer Mentalübung sehr deutlich aus dem Unterbewusstsein aufgetaucht. Es war für mich sehr wichtig, diesen Teil in mir einmal wirklich anzuschauen und wahrzunehmen. Aber ich habe mir gesagt, ok, jetzt kenne ich diese Seite von mir, aber deshalb muss ich ja nicht alles in Frage stellen. Ich habe meinen Mann ja sehr gern, ich liebe ihn ja.

In dieser Zeit sind wir zurück ins Tessin gezogen, was alles nur noch schlimmer machte. Ich hatte gehofft, dass sich in der alten Heimat alles wieder einpendeln würde, doch nach 16 Jahren Westschweiz war das Tessin gar nicht mehr richtig Heimat. Es fühlte sich eher nach einer Art Auswanderung an, weg von der Genfer Offenheit und Diversität an einen einengenden Ort, der mir die Luft zum Atmen nahm. Gleichzeitig spürte ich einen immensen Druck auf meinen Schultern, diese Ehe wieder zum Laufen zu bringen. Wieder eine Intimität aufbauen und die Familie zusammenhalten zu können. Je weniger es mir gelang, desto schuldiger fühlte ich mich.

Ich schlug meinem Mann eine Paartherapie vor. Irgendwie musste sich das doch retten lassen. Den andern ausreden lassen, zuhören, Empathie aufbauen. Das war für mich alles relativ leicht, da ich es einfach als Übung ansah, aber als nichts, das wirklich etwas mit meiner Person zu tun hatte. Ähnlich wie bei meiner Arbeit als Psychologin. Ich höre zu, ich bin empathisch, aber ich lasse die Probleme der Patient_innen nicht allzu nahe an mich heran. Dann aber mussten wir uns einmal einen Plan für ein Abendprogramm ausdenken, mit dem wir dem Partner eine Freude machen konnten. Sobald es darum ging, wirklich aktiv zu werden, ging es für mich nicht mehr. Ich habe keine Kraft, Tickets für ein klassisches Konzert zu organisieren und den Abend über mich ergehen zu lassen. Ich kann und will das nicht mehr. Das ist alles schon lange nicht mehr fair, weder ihm noch mir gegenüber.


Es kam eine schwierige Zeit der sichtbaren und unsichtbaren Neuorganisation. Andere Wohnsituation, abends plötzlich mit dem Kleinen allein zu Hause, jedes zweite Wochenende ganz allein. Ich wusste gar nicht mehr, wer ich eigentlich war. Bevor mir mein Interesse für Frauen bewusst geworden war, hatte ich wirklich an diesen heterosexuellen Lebensentwurf geglaubt. Nun musste ich die einzelnen Puzzleteile neu zusammenfügen. Mama. Frau in Scheidung. Lesbisch? Ich habe all diese Gedanken erst mal weggeschoben. Dann, etwa ein Jahr nach der Trennung, als es mir langsam wieder besser ging, ergab sich im Zeitraum weniger Stunden zufällig ein kleiner Flirt mit einem Mann und einer mit einer Frau. Ich fand beide gleichermassen anziehend. Da war also auf der einen Seite die gesellschaftlich akzeptiertere Option, und auf der anderen jene, die mich neugieriger machte. Das war für mich der Anstoss, dem Thema Frauenliebe wieder Raum zu geben und mich auf einem Chat-Forum für Frauen einzuschreiben. Nicht mit der Intention, mich bald in eine neue Beziehung zu stürzen. Aber es ging dann alles doch relativ schnell. Ich hätte das nicht erwartet, aber Liebe auf ersten Blick scheint es tatsächlich zu geben!


Auch die Reaktion meiner Herkunftsfamilie hätte ich in diesem Ausmass nicht erwartet. Dass es insbesondere für meine Mutter so ein Schock sein und sie damit solche Mühe haben würde. Entsprechend gross war meine Angst davor, meinem Ex-Mann von meiner Partnerin zu erzählen. Ich wollte unter keinen Umständen, dass sich mein Sohn in einer Konstellation wiederfindet, die sein Vater völlig ablehnt. Die Mutter queer, der Vater homophob. Eher hätte ich meine neue Beziehung aufgegeben. Unbewusst war ich wohl auch besorgt, dass mein Ex-Mann (wir hatten immerhin 12 Jahre zusammen verbracht) mich wegen meiner Orientierung ablehnen könnte. Ich war wie in einem Nebel von Ängsten und Gedanken und es war ein grosser Schritt, so ein wichtiges Thema anzuschneiden, nachdem sich unsere Kommunikation über zwei Jahre kühl und distanziert auf die nötigsten organisatorischen Aspekte beschränkt hatte. Seine Reaktion ging aber über alle erhoffte Akzeptanz hinaus. Er war richtig gerührt und nahm mich in die Arme – das war schon lange nicht mehr vorgekommen. «Ich freue mich für dich, dass du deinen Weg gefunden hast. Und ich bin froh, dass unser Sohn in einem Zuhause aufwächst, wo er mit dieser Diversität konfrontiert wird.» Da habe ich gespürt, dass ich das schaffen werde, dass wir das als Eltern gemeinsam schaffen. Unser Sohn wächst zwar in einem gesellschaftlichen Umfeld auf, das noch nicht ganz offen für homosexuelle Lebensformen ist, aber er spürt, dass seine Mama und sein Papa in LGBTQ+-Begriffen denken und diese Vielfalt als etwas Wertvolles ansehen.




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