Fragment 1

Am Anfang war es mega cool: Jetzt habe ich endlich ein Wort dafür, jetzt weiss ich, was ich bin!  (…) Aber dann hat es dann angefangen, ja…

Ich stand bei ihr in der Küche bei der Vorbereitung für ein Familienfest, habe so rumgestottert, weil ich mich mega nicht getraut hatte, und noch bevor ich wirklich irgendetwas sagen konnte, meinte meine Grossmutter: «Ach, ich weiss es schon. Mach dir keine Sorgen, das geht schon wieder vorbei. Das geht schon wieder weg.» Ich hätte wirklich mit allem gerechnet. Anschreien, völliges Unverständnis, was auch immer. Aber dass sie es schon wusste, obwohl ich zu dem Zeitpunkt erst seit kaum zwei Wochen mit meiner Freundin zusammen war?! Das war wirklich ein Schock. Dass ihr das schon jemand erzählt hatte, bevor ich es überhaupt erzählen konnte. Offenbar hatten Bekannte meiner Grosseltern beobachtet, wie meine Freundin und ich Händchen haltend durch die Hauptgasse in Appenzell spaziert sind, und hatten das dann direkt meiner Oma erzählt. Für mich war das Händchen-Halten wirklich no big deal.

Es war an dem Tag, an dem meine Freundin und ich zusammengekommen sind und ich fand das einfach mega schön und ganz natürlich. Und dann bist du plötzlich voll der Dorfklatsch. Es ist mir schon klar, dass das alles hätte viel schwieriger ablaufen können, aber in dem Moment war es wirklich heftig. Ich bin von der Küche ins Wohnzimmer geflüchtet und habe so gezittert. Weil da meine Schwester und meine Cousinen waren, habe ich ihnen die Episode aus der Küche direkt erzählt. Und die fanden das alle überhaupt nicht schlimm. Muss ich das jetzt auch nicht schlimm finden? Meine Grossmutter wollte mir ja nur helfen, indem sie mein Coming-out vorweggenommen hatte. Mich hat natürlich auch der Satz gestört, dass das dann schon wieder vorbeiginge. Für mich war zu dem Zeitpunkt schon seit zwei Jahren klar, dass ich auf Frauen stehe und auch, dass das sicher nicht mehr vorbeigehen würde.


Ich hatte lange das Gefühl, nicht verstanden zu werden. In meinem Umfeld gab es sehr viel guten Willen, aber einfach niemanden, der mit dem Thema zuvor in Berührung gekommen wäre. Ich kann es selber fast nicht glauben. Meine Eltern zum Beispiel arbeiten beide seit Jahren mit Jugendlichen und waren lange Zeit Präfekte bei uns am Internat. Es kann eigentlich gar nicht sein, dass ihnen nie homosexuelle Schüler_innen begegnet sind. Ich möchte mit meiner Geschichte wirklich nicht das Klischee vom zurückgebliebenen, konservativen Appenzell Innerrhoden bedienen. Die Wahrheit ist nämlich nicht so schwarz-weiss und mir ist absolut klar, dass man auch in Bern anstrengende Coming-out-Zeiten erleben kann. Aber ich muss trotzdem sagen, dass ich mich mega oft mega allein gefühlt hatte, weil in meiner Nähe einfach niemand eine Ahnung von diesem Thema hatte. Dabei sind in meinem Umfeld alle sehr links, es hätte viel schlimmer sein können. Ich bin wirklich nie auf bösen Willen gestossen. Schon auf Homophobie, aber nie mit böser Absicht.


Mit vierzehn besuchte ich parallel zum Gymnasium einen Kunstkurs im Kanton St.Gallen. Dort lernte ich eine junge Frau kennen, die gerade ziemlich mit ihrem Coming-out zu kämpfen hatte und in mir eine Zuhörerin und vielleicht auch eine Verbündete sah. Als sie mir erzählte, dass sie in eine Lehrerin verliebt war, realisierte ich erstmals, dass Frauenliebe eine Option ist. Und dass ich selbst wohl schon länger für eine meiner besten Freundinnen schwärmte. Anfangs war ich völlig euphorisch. Endlich habe ich ein Wort dafür! Endlich weiss ich, wer ich bin! Dieses Gefühl hat ein paar Monate lang angehalten. Mit der Zeit merkte ich dann aber, dass das Ganze doch nicht so cool war. Die Freundin, in die ich mich verguckt hatte, war mit meinem Liebesgeständnis verständlicherweise überfordert; sie hatte ja bis anhin genauso wie ich keinerlei Repräsentationen von gleichgeschlechtlichen Paaren gesehen. Sie fand das komisch und ich fand heraus, dass unerwiderte Liebe richtig, richtig schwierig sein kann.

Zwischen der Zeichenschülerin aus dem Kunstkurs und mir entstand eine Art Leidensgenossenschaft. Ich habe mich so nach Austausch gesehnt und sie vermutlich auch, aber im Nachhinein betrachtet, haben wir uns vor allem gegenseitig runtergezogen. Ihre Situation war sehr schwierig, weil sie sich niemals bei ihren Eltern hätte outen können. Meine war diesbezüglich leichter, ich wusste intuitiv, dass ich bei meinen Eltern mit einer guten Reaktion rechnen durfte. Die beiden haben es mir dann auch wirklich leicht gemacht, aber einfach war es trotzdem nicht. Ich bin mit meinem Vater bis nach Liechtenstein und wieder zurückgefahren, bis ich es endlich - wir waren schon beinahe wieder zu Hause - über die Lippen gebracht hatte. Ich fand das alles sehr anstrengend. Gleichzeitig waren da noch mein Liebeskummer, die Mutter einer Kollegin, die komische Dinge über mich im Dorf herumerzählte, fehlende Vorbilder und vor allem kein positiver Austausch mit einer anderen queeren Person. In meinem Umfeld gab es einfach niemanden, der so war wie ich. Einzig die Mitschülerin aus dem Zeichenkurs, aber sie war ja selber in einem Tief und Negativität hatte ich schon genug in mir.

Ich war so allein. Ich glaube, das kann man sich gar nicht vorstellen, wie alleine man sich in dem Moment fühlt.

Die Grundstimmung dieser Zeit war diese ganz grosse Sehnsucht, verstanden zu werden. Eine typische Reaktion im schulischen Umfeld war anfangs zum Beispiel: «Ja du, das musst du selber wissen.» Das ist irgendwie schwierig. Klar muss ich das selber wissen und klar wusste ich, dass ich auf Frauen stehe. Aber viel mehr wusste ich auch nicht und ich hätte mich gern positiv darüber ausgetauscht. Da ist keine greifbare Ablehnung, gegen die du dich auflehnen könntest. Da ist auch keine echte Gleichgültigkeit, die du nicht ok finden könntest. Es ist so eine in Toleranz verkleidete leere Aussage, die dir letztlich das Gefühl gibt, dass du mit dieser Person nicht über das Thema sprechen kannst und dass du auf dich allein gestellt bist. Mit der Zeit hat sich dann mein ganzer Freundeskreis gewandelt und ich konnte mit guten Freunden schon darüber sprechen. Aber dann merkst du halt doch immer wieder: Sie tun schon so, als würden sie es verstehen, aber sie verstehen es halt irgendwie doch nicht, weil sie es einfach nicht kennen. Und dann hauen sie wieder so homophobe Dinge raus und du weisst, sie meinen es gut und glauben, sie seien voll tolerant. «Also schwule Männer finde ich mega gruusig. Aber bei dir ist das ok. Ich finde es super, dass du so zu dir selbst stehst.»

Ja, aber das ist doch gar nicht schlimm, das war doch nett gemeint!

Und wenn du das dann jemandem erzählt, findet der nur: «Ja, aber das ist doch gar nicht schlimm, das war doch nett gemeint.» Und du fragst dich, ob das jetzt wirklich nicht schlimm ist und warum du es trotzdem schlimm findest. In solchen Situationen habe ich mich so unglaublich allein gefühlt. Die Vorstellung, noch bis zur Matura in Appenzell bleiben zu müssen und einfach nicht wegzukommen, war sehr schwierig. Da triffst du halt immer wieder auf die gleichen Personen, News breiten sich wie ein Lauffeuer aus, alles und alle sind irgendwie miteinander verstrickt. Rückblickend bin ich aber froh, konnte ich nicht ausweichen. In einem anderen Kontext wäre ich vermutlich nicht in gleichem Mass dazu gezwungen gewesen, zu lernen, mir nicht so viele Gedanken darüber zu machen, was andere über mich denken oder sagen. Und ich hätte auch nicht gelernt, doch immer wieder einen Schritt auf Personen zuzumachen, die mich unabsichtlich mit ihren Aussagen verletzt hatten. Denn letztlich ist doch genau das so wichtig: Dass man sich nicht zurückzieht und die Leute ihr einseitiges Bild beibehalten lässt, sondern dass man zeigt, dass Homophobie deutlich subtiler sein kann, als das, was sie glauben. Aber eben, das sage ich jetzt im Nachhinein und damals hatte ich noch nicht die Ressourcen, gegen solche gutgemeinten, aber letztlich ausgrenzenden Aussagen etwas zu sagen. Vor vier Jahren hätte ich alles dafür gegeben, da raus zu kommen und Personen zu treffen, die nicht nur irgendwie guten Willen zeigten, sondern die mich wirklich verstanden.


Wow! Das gibt es wirklich!

Diese tiefe Sehnsucht nach Austausch mit Personen, denen es so geht wie mir, hat mich dann dazu gebracht, mich auf Purplemoon anzumelden und an einem Sonntag im Dezember bis nach Zürich zu fahren, um mich mit einer meiner Chat-Bekanntschaften zu treffen. Purplemoon war keine Dating-Plattform und wir hatten das beide nicht als Date gesehen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass wir es mega gut zusammen hatten. Es war halt auch super romantisch, all die Lichter am Weihnachtsmarkt, der Glühwein, der See. So richtig kitschig eben. Wir haben uns dann wenig später nochmals am Weihnachtsmarkt getroffen und für mich war dann schon klar, dass das für mich mehr werden konnte, aber ich konnte sie überhaupt nicht einschätzen. Kurz vor Weihnachten kam sie zu mir nach Appenzell und wir noch am gleichen Tag zusammen. Ich konnte nur denken: «Wow! Das gibt es wirklich!» und da war es tatsächlich no big deal, Händchen haltend durch die Hauptgasse des engen Appenzells zu spazieren. Meine Freundin und ich sind nun seit fast drei Jahren zusammen und meine Grossmutter glaubt sicher nicht mehr, dass das alles nur eine Phase sei. Ich weiss nicht genau, was mein Opa denkt, aber meine Oma ist mega herzig. Sie fragt immer nach, wie es meiner Freundin geht und lädt uns beide zum Essen ein, wenn wir in Appenzell sind.


Nun geniesse ich die Austausch-Möglichkeiten in der Stadt, wo ich seit Kurzem studiere. Dass es hier eine Milchbar gibt. Für Andere ist das vielleicht nichts Spezielles, aber für mich ist es so krass, dass man einfach so in eine Bar gehen und andere queere Leute treffen kann. Personen, die nicht einfach nur verständnisvoll sind, sondern die einen wirklich verstehen.


Come together




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